TV-DUELLWilde Keilerei 
beim Duell der Kleinen

Nach dem TV-Duell von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz trafen am Montag die kleineren Parteien aufeinander: 45 Minuten Drei-Kampf im ZDF, 75 Minuten Fünfkampf in der ARD .

►In Ersten stiegen in den Ring:

• Sahra Wagenknecht (Die Linke)
• Cem Özdemir (Grüne/B’90)
• Joachim Herrmann (CSU)
• Christian Lindner (FDP)
• Alice Weidel (AFD)

►Im ZDF-Duell trafen Alexander Dobrindt (CSU), Katrin Göring-Eckardt (Grüne) und Dietmar Bartsch (Linke) aufeinander.

Erwartet wurde ein heftiger Schlagabtausch. Denn: Die Oppositionsparteien hatten das Duell von Merkel und Schulz als viel zu langweilig kritisiert.

Und es wurde ein heftiger Schlagabtausch.

Das Duell im ZDF

Los ging's mit dem Duell im Zweiten - erstes Thema: die Sicherheitspolitik.

 

Linken-Fraktions-Chef Bartsch warf Dobrindt „Staatsversagen“ vor. Der CSU-Mann konterte: „Wenn wir mehr Sicherheit wollen, müssen wir Sicherheitskräfte unterstützen und sie nicht ständig kritisieren - Breitseite gegen die Grünen!

Göring-Eckardt (Spitzname KGE) war gleich auf Betriebstemperatur, griff Dobrindt an.

Es entwickelte sich ein munterer Schlagabtausch.

Vorteil: In diesem Duell gab es nur einen Moderator, der konnte gleich nachfragen - zuspitzen.

ZDF-Politik-Chef Matthias Fornoff führte flott und schlagkräftig durch die Diskussion - nahm die Politiker jeweils in ein einminütiges Kreuzverhör.

Hier dominierte - wie gestern bei Merkel und Schulz - das Thema Erdogan.

KGE sprach sich dafür aus, klare Kante zu zeigen sagte aber auch: „Aber wir dürfen die Tür zur Türkei nicht zuschlagen."

Bartsch attackierte SPD-Kanzlerkandidat Schulz, der gestern überrascht ankündigte, die EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei abbrechen zu wollen (wenn er Kanzler wird.)

Nächster Streitpunkt war die Flüchtlingspolitik.

Dobrindt verlangte, klare Grenzen: „Wir können nicht unbegrenzt Menschen aufnehmen.“

Göring-Eckardt wurde emotional: „Wir dürfen Menschen nicht einfach ertrinken lassen“. Sie warf Dobrindt vor, zynisch zu werden.

KGE gegen Dobrindt - das war das Duell des Abends.

Auch beim nächsten Thema - Dieselkrise - ging sie frontal auf Dobrindt los.

„Die Autofahrer sind die Gelackmeierten. Sie haben ein Auto gekauft, dann sind sie betrogen worden. Und nein, sie kriegen eben keinen Ersatz dafür gestellt. Dafür hat Herr Dobrindt die Verantwortung und das schon seit Jahren. Das sind ihre Fahrverbote, Herr Dobrindt!“

Bartsch stieß ins gleiche Horn, der CSU-Verkehrsminister geriet schwer unter Druck.

„Wir sind ein Automobilland - und wir wollen auch ein Automobilland bleiben“, sagte er.

In seinem Schlusswort grenzte er sich klar von Grünen und Linken ab: „Ich bin für eine Koalition mit den Bürgern. Denn: Mit den beiden geht es definitiv nicht!“

Fazit: Ein munterer, phasenweise etwas chaotischer Talk. Es ging deutlich temperamentvoller zu als gestern bei Schulz und Merkel.

Göring-Eckardt war bemerkenswert angriffslustig, Dobrindt hielt sich wacker, Bartsch blieb blass.

Das Duell in der ARD

Weiter ging's im Ersten...

Krasser Kontrast - ein riesiges Studio ohne Zuschauer (anders als eben im ZDF) - zwei Moderatoren führten durchs Programm.

Es ging zunächst um ein Thema, das gestern bei Merkel und Schulz komplett unterging: die Digitalisierung.

Heimspiel für FDP-Chef Lindner - Digi ist sein Leib-und-Magen-Thema. Er referiert gekonnt, dass Deutschland bei der Digitalisierung im internationalen Vergleich abgehängt ist.

Sahra Wagenknecht fuhr Trittbrett: „Deutschland ist beim Mobilfunk ein Entwicklungsland!“

CSU-Mann Joachim Herrmann verteidigte die Regierung: „Wir haben sehr viel für den Ausbau getan. Ursprünglich war die Telekommunikation mal bundeseigene Sache. Dann hat man reformiert. Und jetzt erleben wir, dass private Unternehmen Bürger und Firmen nicht flächendeckend versorgen.“

AfD-Weidel sagte: „Wir müssen das Glasfasernetz ausbauen. Es kann nicht sein, dass wir in diesem Land viele digitale Analphabeten haben.“

Ruhiger Anfang, jetzt ging es Schlag auf Schlag. Bildung, Rente, Mietpreisbremse - ein wilder Themen-Mix.

Die Moderatoren, BR-Chefredakteur Christian Nitsche und WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich, hatten Mühe, die Diskussion in geordnete Bahnen zu leiten. Immer wieder der Blick auf die Redezeit-Uhr.

AfD-Weidel beschwerte sich, fühlt sich benachteiligt.

Beim Thema Rente bahnte sich plötzlich eine gelb-grüne Koalition an: Lindner lobte Özdemir, der gefordert hatte, dass Pflege-Berufe besser bezahlt werden müssen.

Özdemir und Wagenknecht geraten dagegen aneinander. Er hatte behauptet, dass es in der Europa-Politik Gemeinsamkeiten zwischen der AfD und den Linken gibt.

Heftiger Einspruch von Wagenknecht, sie geriet richtig in Rage, überzog ihre Redezeit - und wurde von der Moderatorin getadelt.

Themen-Ping-Pong - es ging hin und her. Als Zuschauer hatte man Schwierigkeiten, zu folgen.

Zwischenfazit:

Wagenknecht machte das Tempo, Weidel schläferte ein. Herrmann? Blieb zunächst blass. Lindner und Özdemir wirkten souverän.

Zweite Halbzeit - jetzt geht's um Terror. Lindner legte vor: „Der Staat muss besser organisiert sein, als die Terroristen“, forderte er - und: „Deutschland fehlen 15.000 Polizisten.“

CSU-Herrmann kam in Fahrt: „Der Fall Amri war eine Katastrophe“, räumte er ein. „Wir brauchen nicht mehr Poller, sondern mehr Polizisten.“

Schulterschluss zwischen FDP und CSU in der Inneren Sicherheit.

Was auffiel: Insgesamt ging es im ARD-TV-Duell etwas ruhiger zu als im ZDF - die Kontrahenten fielen sich seltener ins Wort.

Die beiden Moderatoren führten ein strenges Regiment.

Plötzlich wurde der Modus geändert - die Politiker durften sich gegenseitig Fragen stellen. Was vorher offenbar nicht abgesprochen war.

Weidel überraschte mit einem Lob für Wagenknecht: „Sie sind die einzig vernunftbegabte Person in ihrer Partei. Wie stehen Sie denn zur Frage der offenen Grenzen?“

Wagenknecht giftete zurück: „Ihr Lob können Sie sich sparen!“

Lindner und Özdemir duellierten sich in punkto Sicherheitspolitik.

Auch Herrmann wollte den Grünen-Chef aus der Reserve locken - es ging um Hausbesetzer. Der blieb cool, antwortete aber ausweichend.

Der CSU-Mann ließ das nicht zu, fragte nach. Tumult.

Man stelle sich die beiden bei möglichen Koalitionsverhandlungen vor!

Schluss-Fazit

„Zeigt, was ihr könnt“, hatten wir vor Beginn des TV-Duells getitelt. Und die Spitzenpolitiker der kleinen Parteien lieferten.

Das kleine TV-Duell war deutlich würziger als der große Duell zwischen Merkel und Schulz.

Sowohl im ZDF als auch in der ARD kam keine Langeweile auf - im Gegenteil: Da war Tempo drin!

Punktsieg als für Lindner, Özdemir & Wagenknecht Co. !

Die Einzel-Kritik

►Bayerns Innenminister Joachim Herrmann schaute gelassen auf den Kampf der Kleinen um Platz drei herab, ließ Kritik an Bayern abprallen: „Wir sind auf einem guten Weg.“

►Cem Özdemir erklärte Politik aus Erfahrung: Arbeiterkind, Migrationshintergrund, Polizeischutz. Signal: Grüne können nicht nur Öko, sondern auch Soziales, Rechtsstaat.

►Christian Lindner smarter FDP-Alleinunterhalter, punktete mit Bildung: „Bayern steht nicht im Wettbewerb mit Hamburg. Deutschland steht im Wettbewerb mit Asien.“

►Sahra Wagenknecht von der AfD als „einzig Vernunftbegabte der Linken diffamiert, konterte die wirre Debatten-Moderation mit klugen Strategie: Fragen als Stichworte nutzen, Propaganda statt Antwort.

►Alice Weidel, Gauland-Gegenentwurf mit der Gabe, Blödsinn bierernst zu präsentieren. Beispiel: „Das Geld sucht sich seinen Weg. Das ist ein ökonomisches Gesetz in der Ökonomie.“

 

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